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AUTOS, GESCHICHTE UND WISSENSWERTES

Von Spaltmaßen und Regenrinnen.




Im Spätsommer war ich in Schönberg. Das liegt etwas nördlich von Kiel an der Ostsee. Von Dresden aus sind das fast 580 Kilometer. Einmal quer durchs Land. Fast vollständig Autobahn. Ohne Pause.


Sechs Stunden. Und ich erinnere mich kaum an die Fahrt.


Kein Moment stach heraus.

Keine Wegstrecke blieb im Kopf.

Es war, als hätte ich mich einfach nur vorgespult.


(Das nennt man übrigens"Mind Wandering" oder "Highway Hypnosis" - kennst du auch. Du fährst Auto und plötzlich fragst du dich mittendrin, wie du hier hin gekommen bist. Mind Wandering passiert, wenn das Fahrumfeld wenig fordert, die Route vertraut ist, es wenig Verkehr gibt oder das Tempo konstant ist.)


Als Kind, bin ich mit meinen Eltern oder Großeltern ab und zu nach Magdeburg gefahren. Nur 200 Kilometer, heute gut zweieinhalb Stunden. Damals aber haben wir im Schnitt mindestens drei gebraucht – nicht, weil wir langsam waren, sondern weil wir unterwegs anhielten. Auf dem Rastplatz wurden Schnittchen und Tee ausgepackt und in Ruhe am Tisch gegessen.


Man ließ sich Zeit. Man nahm sich Zeit. Und hatte dadurch mehr davon.


Heute gibt’s einen Kaffee to go hinterm Steuer und vielleicht einen Snack, der im Fahren geknabbert wird. Schnelles, effizientes Ankommen ist das Ziel. Möglich gemacht durch bessere Straßen, ausgebaute Autobahnen, navigationsgestützte Routen. Das Erlebnis der Fahrt ist dabei verschwunden. Die Strecke ist kein Teil der Reise mehr, sondern ein Punkt auf der To-do-Liste. Wir erinnern uns nicht an die Fahrt – es sei denn, etwas Außergewöhnliches passiert.


Erinnerst du dich noch an deine letzte Fahrt zur Arbeit? Oder an die vor einer Woche?


Vor einem Monat?


Wahrscheinlich nicht. Weil sie gleich waren – dieselben Kurven, dieselben Ampeln. Du fährst auf Autopilot.


Doch wenn dir plötzlich ein Reh vors Auto springt, an dem du gerade noch so vorbeiziehst, wirst du dich an genau diese Fahrt erinnern.


Um eine Erinnerung zu haben, musst du ein Erlebnis haben.


Erlebnis


/Er·leb·nis/

Substantiv, Neutrum [das]

Geschehen, an dem jemand beteiligt war und durch das er in bestimmter Weise beeindruckt wurde.


Etwas muss sich also in uns bewegen. Und das passiert in unserer modernen Welt immer seltener. Vieles dient nur noch Zweck und Funktion.


Im 19. Jahrhundert wurden selbst Regenrinnen kunstvoll verziert und Pumpenhäuser gebaut, die an Kathedralen erinnerten. Funktionale Dinge bekamen bewusst eine Form, die über ihren Zweck hinausging.


Heute sind unsere Stadtbilder einheitlich und Gegenstände zunehmend austauschbar. Alles folgt reiner Funktion – aber die Form berührt uns kaum noch. Sie löst nichts in uns aus. Im Straßenverkehr kannst du kaum noch die einzelnen Fahrzeughersteller auseinanderhalten. Kaum ein Modell fängt die Aufmerksamkeit ein. Die Designs sind nicht hässlich oder unansehnlich. Sie sind einfach nur glatt. Langweilig.


Früher gaben Designer einem Auto eine Seele. Heute geben Algorithmen ihm eine Form. Früher wurde gebaut, um zu begeistern. Heute, um zu skalieren.


Bestes, aktuelles Beispiel: Mercedes Benz. Der Hersteller hat jetzt seine aktuelle Strategie veröffentlich. Weg von Exklusivität, hin zu "Premium für alle". Jetzt könnte man sagen, an Mercedes war seit längerem sowieso nur noch der Preis exklusiv, aber hey. Wo wird dieser Schritt hin führen? Das Mercedes sein Standing verliert. Es werden dadurch nicht mehr Fahrzeuge verkauft oder neue Märkte erschlossen werden. Dafür aber die Seele der Marke und wofür sie stand verkauft.


Mercedes ist nicht allein damit. Wenn aus sechs Fahrzeugplattformen zwei werden und aus zwanzig Designern, sechs, verschwinden Unterschiede und Individualität. Wirklicher Wiedererkennungswert. Was bleibt, ist Durchschnitt. Interieur, Displays, Sitze, Materialien – alles von denselben Zulieferern, gefertigt auf denselben Bändern.


Wenn wir bei uns in der Autostube an einem 1968er Mustang oder einem 1954er Buick schrauben, erkennen wir an jeder Ecke, dass Schönheit, Handwerk und Zeit einst Hand in Hand gingen. Das Spaltmaß? Nicht perfekt. Der verzierte Chromgrill? Absolut beeindruckend. Jedes Bauteil wirkt nicht optimiert – sondern gewollt. Deshalb sind klassische Fahrzeuge aus meiner Sicht kein nostalgischer Luxus. Sie sind ein Gegenentwurf zur Geschwindigkeit der Moderne – ein Beweis, dass das Langsame das wirklich Erlebbare ist. Deshalb wollen wir es erhalten.


Und auch deshalb stehen alte Kirchen, Schlösser oder Kathedralen noch Jahrhunderte nachdem sie errichtet wurden. Weil sie Menschen bewegen. Sie lassen uns staunen. Sie regen unsere Vorstellungskraft an. Wenn wir eine Stadt erkunden, dann führt der erste Weg oft in die Altstadt. Warum? Weil wir hier die Geschichte erleben können. Unsere Neugier wird geweckt. Wir erkunden jede Gasse, jeden Platz. Wir nehmen uns Zeit, betrachten, sehen wirklich hin und nehmen die Stimmung wahr. Und das ist es, was wir eigentlich erhalten wollen. Und müssen. Das Gefühl, welches in uns ausgelöst wird.


Präsent zu sein.


„Die Zeit, die wir uns nehmen, ist die Zeit, die uns etwas gibt.“

Antoine de Saint-Exupéry



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