Von Bodenwellen und Wetter Apps.
- Maja Hofmann

- 30. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Es ist 9:30 Uhr. Die Jungs und ich sitzen in meinem Büro und planen die kommenden Tage. Welches Projekt kommt auf welche Bühne? Sind alle Teile geliefert? Wer übernimmt welchen Job?
In diesem Moment fährt eine ’63er Corvette auf den Hof. Ich nehme den Kunden in Empfang. Er erzählt, dass seine Corvette seit einiger Zeit Startschwierigkeiten hat und gelegentlich einfach ausgeht. Außerdem habe er das Gefühl, dass „sie“ sich anders verhält als sonst.
Die Patientin wird also aufgenommen, und wir beginnen mit der Diagnose. Nach einigen Prüfungen wird klar: Der Vergaser flutet sich selbst.
Wenn ich über solche Situationen nachdenke, fällt mir auf, wie sinnlich unsere Arbeit ist. Wir hören den Motorlauf und seine Fehlzündungen. Wir fühlen Vibrationen. Wir riechen Kraftstoff oder Öl. Wir sehen Leckagen oder Qualm. Und ja – manchmal laufen Motoren so fett, dass man es förmlich schmecken kann. Unsere Sinne sind unsere Diagnosetools. Einen OBD-Tester können wir an diese Fahrzeuge schließlich nicht anklemmen. Hier geht es mehr um Intuition. Um ein Gefühl. Dieses Gefühl war es auch, das unseren Kunden zu uns geführt hat. Keine Fehlermeldung. Keine Warnlampe.
Autos aus dieser Ära funktionieren anders als heutige. Sie reagieren auf Umwelteinflüsse wie Temperatur oder Luftdruck. Sie verändern sich. Man repariert sie nicht „pauschal“ nach Checkliste, sondern im Dialog. Zwischen Mensch und Maschine entsteht ein Austausch, der in modernen Fahrzeugen kaum noch vorkommt.
Der Wunsch nach Sicherheit vs. Realität
Der Psychologe Jonathan Haidt beschreibt gemeinsam mit Greg Lukianoff einen Trend, den sie „Safetyism“ nennen: Wir schützen uns so konsequent vor Risiken und Fehlern, dass wir verlernen, Verantwortung zu übernehmen. Der permanente Wunsch nach Sicherheit und Optimierung macht uns jedoch nicht gelassener – er macht uns empfindlicher. Das Ungeplante wird nicht als Möglichkeit der Veränderung und des Wachstums gesehen gesehen, sondern als Bedrohung unserer festen, effizienten Abläufe.
Man spürt das im Alltag:
Wir wollen eine optimierte Route, bevor wir überhaupt losgehen.
Wir wollen Garantien, bevor wir Entscheidungen treffen.
Wir wollen volle Planbarkeit, bevor wir ein Projekt beginnen.
Verständlich. Aber so funktioniert das Leben nicht.
Eine andere Haltung zum Leben
Wer schon mal ein altes Auto oder Motorrad gefahren hat, kennt das Gefühl: Nichts ist vollständig vorhersehbar. Das Fahren mit alter Technik verlangt Aufmerksamkeit und Gefühl – damals wie heute. Geräusche, Gerüche, Reaktionen mussten selbst eingeschätzt werden. Jede Irritation war eine Einladung, genauer hinzuschauen. Präsent zu sein. Das Fahrzeug wirklich zu führen. Du musstest fühlen, nicht nur bedienen.
Damals war es normal, dass eine Sonntagsfahrt damit endete, den Keilriemen am Wegesrand zu tauschen.
Man lernte daraus. Man wuchs daran. Damals war es einfach Teil des Lebens.
Diese Fahrzeuge spiegeln aus meiner Sicht folgendes wieder:
Unsicherheit gehört zum Leben. Perfektion ist eine Fiktion. Widerstand ist die Quelle von Wachstum.
Sie geben uns einen kleinen Zugang zu einer Kultur zurück, die nicht versuchte, jede kleinste Irritation auszuschalten oder bis ins angeblich Fehlerfreie zu optimieren.
Wenn alles vorhersehbar ist, verliert das Leben an Tiefe. An Reiz. Spannung.
Warum wir das Unplanbare wieder brauchen
Das Unplanbare fordert uns heraus – und macht uns gleichzeitig widerstandsfähig. Es zwingt uns, Entscheidungen zu treffen, statt nur Abläufe zu verwalten. Es schafft Begegnungen, die es sonst nicht gäbe. Mit uns selbst und unserer Umwelt. Es zeigt, wer wir sind, wenn kein ausgeklügelter Leitplan vorgibt, wie wir auf Etwas reagieren sollen.
In der Werkstatt erleben wir das täglich im Kleinen.
Man fährt einen Wagen auf die Bühne, hört ein undefinierbares Klappern, sieht eine Undichtigkeit, die vorher nicht da war. Fehler tauchen auf, willkürlich, scheinbar ohne Muster. Und dann muss man Entscheidungen treffen: Welche Wege gehen wir jetzt? Was prüfen wir wie? Was reparieren wir zuerst?
Diese ungeplanten Störungen können nerven, aber sie sind wertvoll.
Denn sie trainieren etwas, das in einer überbehüteten Kultur verloren geht:
Resilienz. Mut. Gelassenheit.
Fähigkeiten, die nicht durch Planung entstehen, sondern durch Widerstände. Durch die Steine im Weg.
Bitte keine Überraschungen.
Sicher ist unsere Angst vor dem Ungeplanten nicht neu. Neu ist nur, wie beharrlich wir versuchen, dieser Angst auszuweichen.
Früher sind wir aufgebrochen um neue Welten zu erforschen. Monate oder Jahrelang ins Ungewisse segeln - heute ziehen wir lieber die warme, schützende Decke unserer Komfortzone noch ein Stückchen höher. Fragen unsere Wetter App nach Kleidungsempfehlung. Lassen unsere Smartwatch regelmäßig unseren Puls prüfen und achten auf unsere 10.000 Schritte am Tag.
Wir denken, dass das Leben nur dann gut ist, wenn es störungsfrei ist. Doch dieses “Perfekte”, “Optimierte” kann zu einem Käfig aus To Do Listen und Meditations Apps werden.
Sicher - Alte Fahrzeuge können das nicht auflösen. Aber sie können uns daran erinnern, dass Bodenwellen in unserem durchgeplanten Alltag nicht per se als Fehler anzusehen sind. Sie rütteln uns nur kurz wach. Sie beschleunigen unseren Puls. Lassen uns das Adrenalin in den Adern fühlen. Lassen uns Aufregung und Neugier erleben. Einfach. Leben.
„The obstacle is the way.“ – Marcus Aurelius





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