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Ein Apell an die (deutsche) Autokultur...




"...na ja und dann trauste Dich halt auch gar nicht mehr irgendwas in dem Forum zu fragen."

Der Satz fiel in einem Gespräch mit Freunden, die selbst zwei Oldtimer besitzen und fahren.


Zustande kam die Aussage, weil wir uns darüber unterhielten, wie es um die US Car Szene in Deutschland steht und was der Unterschied zu Amerika sei. Einig waren wir uns darüber, dass wir Deutschen in Sachen Autos, Fußball und Politik immer mehr wissen, als Jede*r Andere und dieses Wissen zu jeder passenden oder unpassenden Zeit kund tun.


Mein Kumpel sprach darüber, dass er in einem speziellen Forum eine Frage zur Zündverstellung hatte und ihm daraufhin geraten wurde, doch lieber ein anderes Fahrzeug zu fahren oder es einfach ganz zu lassen, wenn er davon keine Ahnung hatte. Eine andere Reaktion war die Frage, ob er denn verrückt sei, an diesem Fahrzeug überhaupt etwas zu machen, wenn doch alles ok wäre.


Warum so eine Reaktion auf eine simple Frage in einem passenden Forum?! Warum nicht einfach helfen oder die Frage sinnvoll beantworten?


Ein Blick auf die hiesige Autokultur. Autokultur? Haben wir denn Eine, im vermeintlichen (Auto)Erfinderland Deutschland?


Was feststeht ist, dass wir Freunde davon sind Vereine zu gründen. In jeder Landes-Region, zu jedem Fahrzeugmodell oder Fahrzeugalter gibt es einen dazugehörigen Verein. Mal größer, mal kleiner. In der Schule sprach man früher von Grüppchenbildung. Da wollten dann die Skater nicht mit den Fußballern und die wiederum nicht mit den Bibliotheks-Strebern (sorry an die Leseratten). Ganz ähnlich kann man das auch unter den Vereinen bzw. den Fahrzeugbesitzern beobachten.


Fahre ich einen Dodge Challenger, mag ich keine Mustangs. Fahre ich einen Ford F150, finde ich die RAMs blöd. Dieses "blödfinden" demonstriert man dann unter den passenden Social Media Posts mit herablassenden Kommentaren, oder aber mit den Vereinskollegen beim nächsten Szene Treffen. "ihh haste gesehen, der hat so 'nen Litauen Wrack gekauft. Geht ja gar nicht..."


Da fragt man sich doch: Warum?


Reicht es nicht, dass unser der TÜV blöd findet? Das die Polizei uns gerne mal zuwinkt oder dass wir einen Kampf um ein kleines Kennzeichen führen müssen? Reicht es nicht, dass Verbote erteilt und Zulassungskriterien verschärft werden? Müssen wir uns dann das (Auto)Leben noch gegenseitig schwer machen?


Zurück zur Frage der Autokultur, denn Szene ist nicht gleich Autokultur.


Schauen wir über den Teich, dann wird schnell klar, was CarCulture eigentlich ist, nämlich viel mehr, als ein spezielles Auto besitzen und einen Instagram Profil dafür zu eröffnen. Authentische Autokultur bedeutet auch Alles um das Auto und seine Zeit, herum. Die Kleidung, Musik, Architektur, Einrichtung usw... Klar kann Jeder machen, was er will, aber hast Du schonmal einen Technoliebenden-Trancefanatiker einen 62er Cadillac fahren sehen? Siehste.


Ob man das bewusst will oder nicht, man wächst in sein Auto hinein. Vielleicht nicht in das Erste, auch nicht in das Zweite. Aber entscheidest Du Dich aktiv dazu einen US Oldtimer, Musclecar oder Pick Up zu fahren, dann entscheidest Du Dich für einen Lebenswandel. Ob bewusst oder unterbewusst wirst Du Dich Deinem Fahrzeug anpassen. Plötzlich hörst Du Elvis oder Johnny Cash, plötzlich trägst Du Karohemden oder Petticoat. Und macht es das nicht erst richtig rund?


Wenn alles drumherum nach dem Kauf eines solch besonderen Fahrzeugs gleich bleibt, dann stimmt irgendwas nicht. Dann war es nur ein Fahrzeugkauf, wie der erste "ich brauch jetzt schnell ein Auto" Corsa oder eben der super sachliche Elektro Family Van.


Für unsere Autokultur brauchen wir Emotionen, unsere Sinne, Phantasie und vielleicht auch Retrospektive. Denn was wollen wir denn eigentlich mit so einem US Car? Was erwarten wir uns davon? Von A nach B kommen? Nein, wir wollen uns einen Traum erfüllen, in eine Zeit eintauchen, die längst vorbei ist, wir wollen uns das Gefühl von Freiheit zurückholen, wir wollen aus unseren strengen deutschen Normen raus und einfach mal Pedal to the metal die Autobahn entlang ballern. Und mit "Wir" meine ich uns als US Car Szene. Alle!


Ist doch egal was Du fährst, solange es kein Elektroauto ist (falls Du Eines fährst - i'm sorry). Du hast Dir Deinen Wagen bewusst ausgesucht und ich mir Meinen. Vielleicht haben wir unterschiedliche Gründe dafür gehabt, vielleicht mögen wir auch unterschiedliche Dinge (Schnelligkeit oder alte Eleganz). Was wir aber gemeinsam haben ist, dass wir das Besondere wollen. Und das wir uns Träume erfüllen.


Warum also gegeneinander anstinken? Warum Fragen in Foren abschmettern oder überheblich abbügeln? Jeder von uns hat irgendwann mal damit angefangen den Motor seines US Cars genauer zu inspizieren, vielleicht doch mal die Zündkerzen selbst zu tauschen oder den Zündzeitpunkt zu kontrollieren. Und mein Gott was waren wir stolz.


Können wir dann nicht unseren Erfahrungsschatz für Jeden zugänglich machen und Jung-Mitglieder an die (ölverschmierte) Hand nehmen? Können wir nicht einfach gönnen und dem Anderen seine Freude lassen?





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1 Comment


Sehr gut geschrieben. Deshalb bin ich auch in US-Foren. Da hilft man einem gerne weiter. Diese Kultur wächst hier hoffentlich auch irgendwann heran.


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